
Begegnung im Selbstporträt:
Die Ausstellung „Ich will ich sein.“ am 20. Juni 2026
Was passiert, wenn sich psychologische Fachexpertise, die intime Innensicht eines Betroffenen und die existenzielle Erfahrung einer Angehörigen zu einer kreativen Symbiose verbinden? Es entsteht ein Projekt von außergewöhnlicher Kraft. Mit der Fotoausstellung am 20. Juni im Bürgerhaus in Bissendorf feierte das Projekt „Zwei im selben Rahmen“ seine gelungene Auftaktveranstaltung. Gegründet von der Psychologin Dr. Maike Höcker, dem Depressionspatienten Wilhelm Heim und seiner Ehefrau Maren Heim als Angehörige, bündelt dieses sich ergänzende Team drei völlig unterschiedliche, aber untrennbar miteinander verwobene Perspektiven auf eine psychische Erkrankung. Ihr gemeinsames, erklärtes Ziel: Die Depression zu entstigmatisieren, gesellschaftliche Berührungsängste abzubauen und durch künstlerische Ansätze neue, heilsame Auswege aus der Krise aufzuzeigen.
Es war ein Samstag von drückender, sommerlicher Hitze, als sich am 20. Juni rund 100 Menschen im Bürgerhaus in Bissendorf einfanden. Betroffene, Angehörige, Schülerinnen und Schüler sowie kunstinteressierte Gäste füllten den Raum – herbeigeführt durch ganz unterschiedliche Beweggründe: Aus Interesse, Verbundenheit, Freundschaft, Neugier oder auch aus eigener Betroffenheit. Was sie erwartete, war keine gewöhnliche Kunstpräsentation, sondern das berührende Dokument einer existenziellen Krisenbewältigung und Identitätsfindung.
Unter dem Titel „Ich will ich sein.“ präsentierte der Fotograf und Depressionspatient Wilhelm Heim 65 Exponate, die einen schonungslos ehrlichen Einblick in seine Gefühls- und Erfahrungswelt während und nach einer schweren depressiven Episode bieten. Kern der Ausstellung bildet ein „Dreißig-Tage-Selbstporträt-Projekt“. Nach der Entlassung aus einer Tagesklinik entstand jeden Tag am selben Ort und mit demselben Objektiv ein Bild – eine tägliche, unnachgiebige Verabredung mit sich selbst, um der inneren Monotonie der Erkrankung zu entfliehen. Ergänzt wird die Werkschau durch vier großformatige Fotografien (50x75 cm), die sich explizit mit den Facetten von Männlichkeit, Identität, Körperlichkeit und Selbstwertgefühl auseinandersetzen.
Die Psychologie des Suchers: Das Selbstporträt als therapeutischer Weg
Den Auftakt der Ausstellung gestaltete die Psychologin Dr. Maike Höcker, die Heims Weg über einen langen Zeitraum therapeutisch begleitet hatte. In einem fundierten Fachvortrag beleuchtete sie die immense Relevanz des künstlerischen Schaffens bei der Bewältigung psychischer Krisen.
Das Selbstporträt, so Höcker, sei weit mehr als eine bloße Abbildung. Es bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem Ich als erlebendem Subjekt und dem Ich als betrachtetem Objekt. Es bietet einen Raum zur Emotionsregulation: „Fotografisches Arbeiten ist ein aktiver Prozess des Wahrnehmens, Gestaltens, Auswählens und Betrachtens. Dadurch können diffuse innere Zustände eine äußere Form bekommen. Gefühle wie Schwere, Verletzlichkeit, Rückzug, Kontrolle oder Veränderung werden sichtbarer und damit oft auch greifbarer.“
Dabei betonte sie den unschätzbaren Respekt vor Wilhelm Heims Mut, diesen intimen Prozess der Öffentlichkeit preiszugeben: „Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Mensch sich mit einer solchen Offenheit zeigt — nicht nur fotografisch, sondern auch emotional und biografisch. Genau das macht diese Ausstellung so besonders.“
Masken herunterreißen: Wilhelm Heims intimer Bericht
Als Wilhelm Heim selbst das Wort ergriff, tat er dies mit einer entwaffnenden, fast greifbaren Ernsthaftigkeit. „Ich heiße Wilhelm Heim und ich bin Depressionspatient“, stellte er sich seinen Gästen vor und brach damit sogleich das gesellschaftliche Schweigen, das die Krankheit noch immer umgibt.
Heim distanzierte sich in seiner Rede scharf von den allgegenwärtigen Mechanismen digitaler Selbstdarstellung. Seine Bilder seien das exakte Gegenteil des narzisstischen, optimierten Social-Media-Feeds: „Wo die Selbstdarstellung eine Maske aufsetzt, reißen diese Bilder die Maske herunter. Sie zeigen keine polierte Oberfläche, sondern die Risse darin. […] Meine Fotos sind kein eitles ‚Seht her, wie toll ich bin‘, sondern ein schonungsloses, manchmal schmerzhaftes ‚Seht her, das bin auch ich‘.“
Wie tief diese Risse reichen, wurde spürbar, als Heim ein zentrales therapeutisches Dokument vorlas: Einen in der Klinik verfassten, hochemotionalen Brief an seine Eltern mit dem Titel „Die Wut im Hals“. Er berichtete von einer Kindheit voller emotionaler Kälte, Demütigungen und dem frühen Freitod des Vaters. Doch die düstere „schwarze Trauerwut“, die ihn jahrzehntelang begleitete und in die Depression führte, hat durch die Fotografie eine Transformation erfahren. In einem eigens geschriebenen Gedicht an den vermissten Vater formulierte Heim versöhnliche, fast zärtliche Zeilen:
„Ich blicke durch den Sucher in diese Welt
und sehe plötzlich, was wir beide teilen.
Ein leiser Klick, der den Moment erhellt –
wie gern würd ich im Jetzt mit dir verweilen.“
Ein Blick in die Zukunft: Die Perspektive der Angehörigen
Sowohl Dr. Maike Höcker als auch Wilhelm Heim lenkten am Ende den Blick auf eine Dimension, die in der öffentlichen Debatte um psychische Erkrankungen viel zu oft im Schatten bleibt: die Situation der Angehörigen. Eine Depression betrifft nie nur eine Person allein, sie fordert auch Partnerschaften und Familien bis an die Belastungsgrenze.
Heim würdigte seine Frau Maren, die ihn durch die schwersten Phasen – in denen selbst eine Hunderunde oder das Schreiben eines Einkaufszettels unmöglich waren – begleitet hat. „Sie ist in der Zeit meiner Depressionsbewältigung kaum gefragt worden: Maren, wie geht es dir eigentlich?“, gab Heim reflektiert zu bedenken.
Aus dieser schmerzhaften, aber wichtigen Erkenntnis heraus kündigte das Projekt „Zwei im selben Rahmen“ bereits den nächsten Meilenstein an: Eine geplante Folgeausstellung soll sich als reine „Angehörigenausstellung“ ganz bewusst jenen Menschen widmen, die im Alltag stützen, mitleiden und allzu oft unsichtbar bleiben.
Die Ausstellung am 20. Juni hat gezeigt, dass es möglich ist, der Depression mit einem selbstbewussten Optimismus zu begegnen. Sie hat Mut gemacht, Ängste abgebaut und – ganz im Sinne der Initiatoren – echte Begegnungen und tiefe Gespräche zwischen den Menschen ermöglicht.
Fotograf der Veranstaltung: Christian Veenker
